
Der fremde Sohn (2008)
Schauspieler: Angelina Jolie, John Malkovich, Jeffrey Donovan
Regie: Clint Eastwood
Land: USA
Genre: Mystery
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Der fremde Sohn
Clint Eastwood hat augenscheinlich auch im fortgeschrittenen Alter noch viel zu erzählen. Allein in diesem Jahrtausend entstanden unter der Regie der mittlerweile 78jährigen Hollywood-Größe, der als Schauspieler erst durch Sergio Leones Spaghetti-Western Popularität erlangte und anschließend durch die Dirty Harry - Verfilmungen auch in Hollywood zu den etablierten Größen aufsteigen konnte, bislang volle acht Spielfilme. Betrachtet man das bisherigen künstlerischen Schaffens des alten Haudegens, der aus seinem konservativen Wertekanon noch nie einen Hehl gemacht hat, so muss konstatiert werden, dass es vor allem seine letzten drei Regie-Arbeiten waren, die den vorläufigen Zenit im uvre Clint Eastwoods darstellen. Freilich ist das Western-Drama Erbarmungslos für den er 1992 völlig zu Recht zum ersten Mal mit dem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet wurde, ein ausgezeichneter Abgesang auf eben dieses höchst amerikanische Genre, doch sind es vor allem Million Dollar Baby (2004) und sein Kriegs Doppel um die Schlacht um Iwo Jima (2007), die den Schluss zulassen, dass sich Eastwood zur Zeit in einer absoluten Hochphase seines kreativen Schaffens befindet. Und nun, nachdem er die Grenzen eines auf den ersten Blick typischen Sport-Films zu Gunsten eines höchst eindrucksvollen gesellschaftlich relevanten Dramas durchbrochen hat (Million Dollar Baby), nachdem er einen - wenn nicht Den amerikanischen Mythos des Glorious War zertrümmert hat (Flags of our Fathers) und nachdem er schließlich den für Hollywood ungewöhnlichen Blick auf die andere (japanische) Seite gewagt hat (Letters from Iwo Jima), kommen nun gleich zwei weitere Filme unter der Regie von Eastwood in die hiesigen Lichtspielhäuser, nämlich auf der einen Seite das Rassismus-Drama Gran Torino und den in dieser Rezension zu besprechenden Der fremde Sohn auf der anderen Seite.
Los Angeles im Sommer 1928. Die alleinerziehende Mutter Christine Collins (Angelina Jolie) muss kurzfristig für eine erkrankte Kollegin einspringen und muss somit nicht nur den Besuch im Kino, den sie ihrem Sohn Walter versprochen hatte absagen, sondern diesen noch dazu allein in der Wohnung zurücklassen. Bei ihrer Rückkehr muss sie mit Schrecken feststellen, dass Walter verschwunden ist. Erst 24 Stunden nach Christines Anruf bei der Polizei beginnen die Behörden mit der Suche nach dem vermissten Jungen. Eine Suche die volle fünf Monate dauern wird, bis die verzweifelte Mutter endlich die erlösende Nachricht erhält, dass ihr Sohn gefunden worden ist. Doch als sie sich voller Freude auf den Weg zum Bahnhof begibt, muss sie feststellen, dass der Junge, der aus dem Zug steigt, nicht ihr Sohn ist. Unter Schock und unter dem massiven Druck des sie betreuenden Polizisten Captain J.J. Jones (Jeffrey Donovan) lässt sie sich dazu überreden, den Jungen erst mal mit in ihre Wohnung zu nehmen. Während die Polizei von Los Angeles in der Folge ihren Triumph feiert, den sie nach zahlreichen Skandalen um Korruption und Bestechung dringend nötig hat, regt sich bei Christine Collins die Gewissheit, dass ihr die Polizei den falschen Jungen zurückgebracht hat. Die Polizei jedoch, die den Fall als abgeschlossen betrachtet, weigert sich die Suche fortzusetzen und beginnt in der nicht lockerlassenden Christine, die verstärkt in die Öffentlichkeit drängt, eine Gefahr zu sehen, so dass sich diese unvermittelt und ohne jede Anklage in der geschlossenen Abteilung der städtischen Psychiatrie wiederfindet. Ihre einzige Hoffnung: Der Reverend Gustav Briegleb (John Malkovich), der um die Korruption der Behörden wissend, der einzige ist der Christine zu Glauben scheint und noch dazu die Macht besitzt Christine Collins beizustehen.
Mit den Ereignissen um Christine Collins erzählt Clint Eastwood eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, wie auch direkt zu Beginn des Films in Form einer Einblendung zu erfahren ist und man muss wohl zweifelsfrei zu dem Schluss kommen, dass sich die unglaublich klingende Geschichte um eine Mutter, die ein völlig fremdes Kind untergejubelt bekommen soll und für ihre Suche nach ihrem eigentlichen Kind dann noch dazu weggesperrt wird, einer jener Stoffe ist, die sich ganz hervorragend für eine Verfilmung eignen. Das es Eastwood gelungen ist diesen Stoff adäquat auf die Leinwand zu transportieren ist dabei ebenso offensichtlich, wie sich bei andauernder Spielzeit aber auch ebenso zeigt, dass Der fremde Sohn nicht frei von Schwächen ist, die bei einem anderen Regisseur vielleicht dazu geführt hätten, dass der Film in seiner Konzeption nicht funktioniert hätte. Der Film hat sehr viel zu erzählen, mutet sich dabei aber stellenweise auch zu viel zu, doch bewahrt ihn ein ums andere Mal die routinierte und direkt inszenierende Hand seines Regisseurs vor dem Scheitern, dem es gelingt die zahlreichen Handlungsstränge zu gliedern und anzuordnen, so dass der Geschichte trotz der Komplexität zu jedem Zeitpunkt gefolgt werden kann. Nichts desto trotz ist die thematische Breite, die in Der fremde Sohn thematisiert wird in gewisser Weise Stärke und Schwäche zugleich.
Stärke, weil mit dieser inhaltlichen Komplexität ein sehr umfassendes und faszinierendes Bild der Geschichte um Christine Collins gezeichnet werden kann. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Nicht nur, dass sich der Film mit dem Seelenleben und dem Kampf einer verzweifelten Mutter beschäftigen will, nein vielmehr will er auch umfassend Bestechung und Korruption bei Denen anprangern, die die Bürger eigentlich schützten sollen. Parallelen zu dem meisterhaften L.A. Confidential sind an dieser Stelle offensichtlich, versinnbildlicht vor allem durch den wortgewandten Reverend, aber eben auch durch Christine Collins selbst, die in diesen Szenen von Eastwood weniger als suchende Mutter, sondern viel mehr als Erin Brockovich stilisiert wird, die keine Angst davor hat den scheinbar überlegenen Behörden zum Wohle der Allgemeinheit vor den Karren zu fahren. Das es an dieser Stelle, also in Bezug auf die Nebenthematiken der Korruption und der sich emanzipierenden Frauenfigur (wie auch schon bei Million Dollar Baby) der Vielfalt immer noch nicht genug ist, sondern dass der Film im fortgeschrittenen Verlauf auch noch den Topos des Serienkiller-Genre aufgreift, verschärft dieses Dilemma noch mal zusätzlich. Exemplarisch für diesen Sachverhalt sind ohne Zweifel die beiden Gerichtsverhandlungen, in denen den korrupten Polizisten einerseits und dem mutmaßlichen Serienmörder andererseits der Prozess gemacht wird und die, obgleich thematisch eminent wichtig, in fast hektischer Kürze von Eastwood in parallelen Schnitten abgehandelt werden.
Mag man also diesen Aspekt durchaus kritisieren, so muss man die visuelle Wucht von Der fremde Sohn ausdrücklich loben. Setting, Kostüme und Ausstattung versetzten den Zuschauer direkt in die Stadt der Engel von 1928, so dass sich die Inszenierung dieses Period-Piece atmosphärisch zu jedem Zeitpunkt auf hohem Niveau befindet. Eindrucksvoll, aber nicht übertrieben eingesetzt sind auch die Effekte, so dass Eastwoods Drama handwerklich ohne jeden Zweifel in der ersten Liga spielt, doch war dies auch nicht anders zu erwarten. Gespannt durfte man hingegen auf die Leistung von Angelina Jolie in der durchaus schwierigen Rolle der Christine Collins sein. Letztendlich muss man wohl durchaus zu dem Schluss kommen, dass Angelina Jolie in diesem Film eine der besten schauspielerischen Leistungen in ihrer Karriere abgeliefert hat, auch wenn ihr Spiel in einigen Szenen die Grenze zum Overacting eindeutig überschreitet. Aber auch wenn Jolie durchweg auf sehr hohem Niveau spielt, möchte man sich gar nicht erst vorstellen, was eine Schauspielerin anderen Kalibers (Swank, Blanchett) aus dieser Rolle gemacht hätte. Nicht weniger überzeugend ist im übrigen Malkovich, dessen Rolle allerdings ganz eindeutig an der thematischen Überfrachtung des Drehbuchs leidet.
Der fremde Sohn ist somit in seiner Summe ein handwerklich überzeugendes Drama über eine suchende Mutter, welches jedoch seinen zunächst konzentrierten Fokus im weiteren Verlauf nolens volens einbüßt, so dass der Film, obschon mit einer Spielzeit von 140 Minuten überaus großzügig bemessen, überfrachtet erscheint. Das die narrativen Fäden dennoch nicht hemmungslos auseinander gleiten, ist dann wohl nicht zu Letzt das Verdienst des Regisseurs, dessen schnörkelloses inszenieren in diesem Konglomerat von Themen eine angenehm beruhigende Wirkung zu eigen ist. Dies, im Verbund mit sehr guten schauspielerischen Leistungen bis in die Nebenrollen und einer wunderbar klassisch stilisierten Optik machen Der Fremde Sohn trotz seiner Schwäche zu seinem sehenswerten Film, der jedoch nicht in der Liga von Eastwoods letzten drei Filmen spielen kann. - Fazit: 7 von 10 Punkten.
Rezension von kinotv&co
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